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+ Auf Tuchfühlung mit Wunderzeiten

Kerstin Krämer - Journalistin und Fotografin | Saarbrücken
Herausgegeben von in Ausstellung ·
Tags: SZFeuilletonBerichtMuseumAusstellung

Aus dem Textarchiv der SZ gegraben - aus einer leider vergangenen Zeit, als SZ-Artikel noch umfangreich sein durften und feuilletonistisches Schreiben noch Spaß machte ... Erschienen am 3. Mai 2003

„Nylon & Caprisonne“: Das Historische Museum Saar widmet sich kleinen und großen Dingen, die die 50er Jahre ausmachten
Die 50er, das sind nicht nur Lebensgefühl und Wirtschaftswunder, sondern auch Alltagsdinge wie Hüfthalter, BMW-Isetta und Peter Kraus. Das Historische Museum Saar bietet einen vergnüglichen Rückblick.

Saarbrücken. „Pack die Badehose ein, nimm Dein kleines Schwesterlein
...“ Ja, das waren wirklich noch Zeiten, als Deutschland sich nicht mehr auf den Wannsee beschränkte, sondern seine Badereisen wirtschaftswunderlich ausdehnte: In der Caprihose fuhren Ingeborg und Kurt nach Capri, hörten niveagecremt, pepitagemustert und strohbehütet die Capri-Fischer, kosteten erstmals Spaghetti und schlürften hinterher Cinzano und Caprisonne – nee, stopp, die Caprisonne kam später.

Heile Welt unter südlicher Sonne
Aber wenn wir Petticoat, Perlonstrümpfe, Tütenlampen und Nierentische, all die unvergesslichen Accessoires der 50er Jahre eben, Revue passieren lassen, dann scheint doch alles in ein nostalgisch verklärendes Licht getaucht: ins Licht heiler Welt unter südlicher Sonne, als Caterina Valente und Silvio Francesco „Komm ein bisschen mit nach Italien“ zwitscherten und ganze Volkswagen-Kolonnen ins gelobte Land aufbrachen, zu Amore und Vino Rosso, zum Lago Maggiore, nach Bella Napoli und auf die vielbesungene Fischer-Insel. Und deswegen darf eine Ausstellung über die 1950er getrost „Nylon & Caprisonne“ heißen, auch wenn das angesagte Fruchtsaftgetränk damals noch Libella oder Sinalco hieß und das Historische Museum Saarbrücken aus technischen Gründen nur eine bestimmte Lux-Zahl zulässt: Dort ist es nämlich ab Sonntag, 4. Mai, Eröffnung um elf Uhr, zu besichtigen, dieses ganz besondere Lebensgefühl.

Nahtlos schließt es sich an die Dauerausstellung „Von der Stunde Null zum Tag X“ an und vermittelt Einblicke in (nicht nur deutsche) Nachkriegs-Befindlichkeit. Und da geht's eben nicht nur um Urlaub, sondern in erster Linie auch um Alltag. Und Mode! Denn „Modegeschichte ist Zeitgeschichte“, betont Museumsleiter Gerhard Ames. Drum reicht die Palette von Notbehelfs-Konfektion wie „entmilitarisierter Uniform“, Hosen aus Fallschirmseide und Röcken aus Bettlaken bis zur Haute Couture: Coco Chanel, Pierre Balmain ... Unerschwingliche Träume! Geradezu unerhört war das, wie Christian Dior für seinen „New Look“ gleich meterweise Stoff verarbeitete – eine Verschwendung sondergleichen, die ihm einerseits Morddrohungen einbrachte und sogar Debatten im englischen Unterhaus auslöste, anderen aber wiederum als Signal galt: Aufbruchsstimmung!

Ames und seine Mitarbeiter konnten im Wesentlichen auf Leihgaben des Modemuseums im Münchner Stadtmuseum zurückgreifen, ergänzt freilich durch allerlei Saar-Spezifisches: Wer hat sie nicht noch im Schrank, die Kleiderbügel des Herren-Ausstatters „Leimbach und Klein“? Schlicht entzückend sind auch die gezeichneten Original-Entwürfe der Modeklasse der hiesigen Schule für Kunst- und Handwerk, während der Zeitenwanderer mit zahlreichen Modellen, in denen teilweise echte Stars von Sabine Sinjen bis Soraya gezwängt waren, tatsächlich „auf Tuchfühlung“ gehen kann: Chemiefaser-Satin, Doupion-Seide und Perlon, zwickende Hüfthalter, wahrlich atemberaubende Corselettchen und sogar der Original-Bikini von Louis Reard – das „Skandalstück“ der Ausstellung. Dabei hielt man damals ansonsten sehr auf den „guten Ton“, trug spezielle Kleidung für spezielle Anlässe und wählte von Hut bis Handtasche stets „das Passende“.

Unruhestifter Buchholz und Kraus
Sehr amüsant, diese Reise in die wohlgeordnete Vergangenheit! Als die Eau de Cologne- und Luxusseife-gepflegte Ingeborg, durch diverse Verhaltens-Ratgeber zur perfekten Gastgeberin gereift, Nelken in der Muschelvase drapierte und auf dem zierlichen Teewägelchen Salzbrezeln und Martini anbot, während der nach Alt-Lavendel duftende Kurt beim Rauchen einer „Collie“-Zigarette über Vespa, BMW-Isetta oder Messerschmitt-Kabinenroller dozierte. Bis Peter Kraus als deutscher Elvis und Horst Buchholz als deutscher James Dean mit Jeans und Rock'n'Roll Unruhe ins Kleinbürger-Idyll brachten. Nein, alles kann das Historische Museum leider nicht zeigen! Aber es laufen Original-Wochenschauen mit süffisanten Kommentaren, es gibt Dia-Vorträge, Führungen, Seminare und Museumsgespräche, und das Kino „achteinhalb“ bietet begleitend ein Filmprogramm an: Die Halbstarken und das Mädchen Rosemarie, die über den Dächern von Nizza nicht wissen, was sie tun, oder so ähnlich ... Die Sparkasse verlost außerdem eine Reise für zwei Personen. Wohin?! Na hören Sie mal. Nach Capri natürlich! kek

„Nylon & Caprisonne – Das-50er-Jahre-Gefühl“, Historisches Museum Saar, 4. Mai bis 14. September. Di, Mi, Fr, So/feiertags zehn bis 18 Uhr, Do bis 20 Uhr, Sa zwölf bis 18 Uhr.




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